Bewertungsmethodik und Datenerhebungsprozess
Bei Siegelklarheit wird offen gezeigt, wie bestehende Nachhaltigkeitssiegel bewertet werden - transparent und gut nachvollziehbar.

- Hinter den detaillierten Bewertungsergebnissen steht mit dem Sustainability Standards Comparison Tool (SSCT) eine umfassende Methodik, die auf objektiven und transparenten Kriterien fußt.
- Drei Bereiche werden für die Bewertung eines Siegels herangezogen: Glaubwürdigkeit, Umwelt und Soziales. Glaubwürdigkeitskriterien gelten sektorübergreifend, während Kriterien für Umwelt- und Sozialverträglichkeit sektorspezifisch sind.
- Siegel, für die noch kein sektorspezifisches Kriterienraster entwickelt wurde, können derzeit nicht bewertet werden.
Was ist das Sustainability Standards Comparison Tool (SSCT)?
Das Sustainability Standards Comparison Tool (SSCT) ist ein Instrument, mit dem Siegelklarheit bestehende Nachhaltigkeitssiegel analysiert und bewertet.
Das SSCT wurde 2013/2014 in einem mehrjährigen Multi-Stakeholder-Prozess von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Zusammenarbeit mit der nationalen und internationalen Fachwelt im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) entwickelt. Seitdem wurde die Methodik 2020/2021 einmal grundlegend überarbeitet, um sie schlanker, transparenter und somit nachvollziehbarer zu machen - ohne dabei die Bewertungstiefe zu verlieren. Seit November 2025 ist die Verbraucherzentrale NRW für Siegelklarheit zuständig und entwickelt das Portal sowie die Bewertungsmethodik kontinuierlich weiter.
Im Zentrum des SSCT steht ein Katalog aus rund 300 Anforderungen bzw. Kriterien, den Siegelklarheit mit mehr als 200 führenden Fachexpert:innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft erarbeitet hat. Dies erfolgte auf Grundlage bestehender internationaler Normen, wissenschaftlicher Erkenntnisse und Vorgaben von Siegelverbänden. Hierzu gehören bspw. die Glaubwürdigkeitsprinzipien der International Social and Environmental Accreditation and Labelling (ISEAL) Alliance sowie die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).
In diesem Kriterienkatalog wird einerseits zwischen Mindestanforderungen und weiterführenden Anforderungen unterschieden. Andererseits lassen sich alle Anforderungen den drei Bereichen Glaubwürdigkeit, Umweltfreundlichkeit oder Sozialverträglichkeit zuordnen:
- Die Anforderungen an Glaubwürdigkeit gelten in jedem Sektor (z.B. Textilien, Papier, Computer usw.), da hiervon ganz zentral abhängt, inwieweit den Angaben eines Siegels Vertrauen geschenkt werden kann. Dafür wird beurteilt, auf welche Weise Siegelgebende sicherstellen, dass ihre Anforderungen von den Siegelnehmenden auch eingehalten werden, und wie transparent das Umsetzungssystem ist.
- Im Gegensatz dazu sind die Anforderungen an Umwelt und Soziales individuell auf den jeweiligen Sektor zugeschnitten: Im Textilsektor geht es z. B. um das Verbot gefährlicher Chemikalien, im IT-Sektor z. B. um Konfliktmineralien und Recyclingfähigkeit.
- Die Mindestanforderungen und weiterführenden Anforderungen für Glaubwürdigkeit, Umwelt und Soziales bilden zusammen sektorspezifische Kriterienraster - hier im Detail einsehbar.
Wie funktioniert die Bewertung?
Auf Siegelklarheit kommt eine fünf-stufige Bewertungsskala zum Einsatz mit dem Ziel, alle für Verbraucher:innen sichtbaren Nachhaltigkeitssiegel differenziert einzuordnen. Die Tabelle zeigt die Bewertungsskala sowie die Grundlage zur Einordnung und wird nachfolgend erläutert.
Skala | Fokus 1: | Fokus 2 & 3: |
Visuelle Hervorhebung: Diamant | Mindestkriterien 100% + Punkteanteil mind. 70% | Glaubwürdigkeit UND Umwelt UND Soziales |
| Hervorragend | Mindestkriterien 100% + Punkteanteil mind. 70% | Glaubwürdigkeit und Umwelt ODER Glaubwürdigkeit und Soziales |
Sehr Empfehlenswert | Mindestkriterien 100% + Punkteanteil mind. 50% | Glaubwürdigkeit und Umwelt ODER Glaubwürdigkeit und Soziales |
| Empfehlenswert | Mindestkriterien zu mind. 85% + Punkteanteil mind. 50% | Glaubwürdigkeit und Umwelt ODER Glaubwürdigkeit und Soziales |
Ausbaufähig
| Mindestkriterien zu mind. 50% | Glaubwürdigkeit und Umwelt ODER Glaubwürdigkeit und Soziales |
| Schwach | Mindestkriterien unter 50% | Glaubwürdigkeit und Umwelt ODER Glaubwürdigkeit und Soziales |
Tabelle: Übersicht zur fünf-stufigen Bewertungsskala
Fokus 1: Einzelner Bereich (Glaubwürdigkeit, Umwelt, Soziales)
Die Bewertung beginnt auf der Ebene eines einzelnen Bereichs und läuft in zwei Schritten ab:
1. Prüfung der Mindestkriterien
Zuerst wird in jedem Bereich (Glaubwürdigkeit, Umwelt und Soziales) geprüft, ob das Siegel die Mindestanforderungen erfüllt oder nicht. Mindestanforderungen befassen sich mit Themen, denen eine besondere Relevanz zukommt (z.B. dem Verbot von Zwangsarbeit). Hierbei ist entscheidend, ob die Mindestanforderungen je Bereich zu weniger als die Hälfte, mindestens zur Hälfte, mindestens zu 85 Prozent oder zu 100 Prozent erfüllt werden.
Gut zu wissen:
Ein Siegel, das nicht alle Mindestkriterien in Glaubwürdigkeit und mindestens einem weiteren Bereich (Umwelt oder Soziales) erfüllt, kann keine bessere Bewertung als „Empfehlenswert“ erhalten (mittlere Skalenstufe). Damit ist sichergestellt, dass Siegel das obere Skalenende nur erreichen können, wenn sie zumindest alle Mindestkriterien in beiden Bereichen erfüllen.
2. Bepunktung aller Kriterien
Nach erfolgter Prüfung der Mindestkriterien werden diese zusammen mit den weiterführenden Kriterien anhand von Punkten in jedem Bereich ausgewertet.
Grundsätzlich wird ein erfülltes Kriterium mit einem Punkt bewertet. Manche Kriterien werden jedoch nicht als erfüllt oder nicht-erfüllt bewertet, sondern anhand verschiedener Anspruchsgrade. Das hilft Siegelklarheit dabei, die Vielfalt der unterschiedlichen Siegel inhaltlich besser berücksichtigen zu können. Diese Kriterien mit Anspruchsgraden können mehr als einen Punkt erhalten:
- Ist ein Kriterium grundsätzlich (basic) erfüllt, wird ein Punkt vergeben.
- Weist das Siegel dagegen einen noch höheren Anspruchsgrad (advanced) auf, dann werden zwei Punkte vergeben.
- Ein Beispiel hierfür ist der Einsatz von synthetischen Pestiziden (z.B. im Textilsektor), welcher grundsätzlich 'eingeschränkt', im höheren Anspruchsgrad jedoch gänzlich 'verboten' werden muss.
Anschließend wird für jeden Bereich (Glaubwürdigkeit, Umwelt, Soziales) der prozentuale Anteil der erreichten Punkte an der insgesamt möglichen Punktzahl des sektorspezifischen Kriterienrasters berechnet (im Folgenden „Punkteanteil“). Dabei wird unterschieden, ob in einem Bereich weniger als 50 Prozent, mindestens 50 Prozent oder mindestens 70 Prozent der möglichen Punktzahl erreicht werden.
Gut zu wissen:
Selbst wenn ein Siegel in Glaubwürdigkeit und mindestens einem zweiten Bereich (Umwelt oder Soziales) die volle Gesamtpunktzahl erreicht, jedoch nicht jeweils auch mindestens 85 Prozent der Mindestkriterien erfüllt, dann wird das Siegel aufgrund der inhaltlichen Wichtigkeit der Mindestkriterien im unteren Skalenende eingeordnet.
Fokus 2: Glaubwürdigkeit und mindestens ein zweiter Bereich
Als Nächstes werden die Erfüllung der Mindestkriterien und der erreichte Punkteanteil stets für Glaubwürdigkeit und mindestens einen weiteren Bereich (Umwelt oder Soziales) betrachtet. Durch die Festsetzung des Bereichs Glaubwürdigkeit wird sichergestellt, dass hinter den Anforderungen des Siegelgebers auch ein funktionierendes Umsetzungssystem steht. Die alternative Berücksichtigung von Umwelt- oder Sozialkriterien ermöglichteine gleichwertige Bewertung von Siegeln, die sich auf Umwelt- oder Sozialthemen spezialisiert haben.
- Ein Siegel, das weniger als die Hälfte der Mindestanforderungen in den zwei Bereichen erfüllt, wird als „Schwach“ eingeordnet – unabhängig vom erreichten Punkteanteil, was die inhaltliche Bedeutung der Mindestkriterien widerspiegelt.
- Erfüllt ein Siegel zwischen 50 und 85 Prozent der Mindestanforderungen in beiden Bereichen, wird es als „Ausbaufähig“ eingestuft – ebenfalls unabhängig vom erreichten Punkteanteil.
- Falls ein Siegel in den zwei Bereichen mindestens 85 Prozent der Mindestanforderungen erfüllt sowie mindestens 50 Prozent der möglichen Punkte erreicht, wird es als „Empfehlenswert“ eingeordnet.
- Ein Siegel, das in beiden Bereichen alle Mindestanforderungen erfüllt und mindestens 50 Prozent der möglichen Punkte erreicht, erhält die Bewertung „Sehr empfehlenswert“.
- Erfüllt ein Siegel in den zwei Bereichen alle Mindestanforderungen und erreicht mindestens 70 Prozent der möglichen Punkte, erhält es die Bewertung „Hervorragend“.
Fokus 3: Alle drei Bereiche (ganzheitliche Nachhaltigkeit)
Es gibt Siegel, die sowohl hohe Anforderungen an Umwelt- wie auch an Sozialthemen stellen. So ein ganzheitlicher Nachhaltigkeitsansatz soll auch auf Siegelklarheit sichtbar werden. Daher erhält ein Siegel, das alle Mindestkriterien erfüllt und einen Punkteanteil von mindestens 70 Prozent in allen drei Bereichen (Glaubwürdigkeit, Umwelt, Soziales) erreicht, zusätzlich zur Bewertung „Hervorragend“ eine visuelle Kennzeichnung (Diamant).
Wie werden die Daten für eine Bewertung erhoben?
Um die Siegeldaten zu erheben, arbeitet Siegelklarheit mit dem International Trade Centre (ITC) zusammen, das von den Vereinten Nationen (UN) und der Welthandelsorganisation (WTO) gegründet wurde. Als neutrale Instanz koordiniert das ITC die Datenerhebung und -prüfung mit unabhängigen Gutachter:innen und macht die Rohdaten für die Bewertung durch das SSCT zugänglich.
Die siegelgebenden Organisationen stellen alle relevanten Dokumente für die Gutachter:innen zur Dateneintragung zur Verfügung und prüfen die Daten nach Abschluss der Erhebung. Die finale Qualitätssicherung erfolgt durch Expert:innen beim ITC, bevor die Rohdaten bei Siegelklarheit ankommen. Nach einer weiteren Qualitätssicherung durch Siegelklarheit werden die Daten anhand der SSCT-Bewertungsmethodik ausgewertet. Die Siegelorganisation wird über das Bewertungsergebnis ihres Siegels informiert, bevor es auf Siegelklarheit veröffentlicht wird.
Gut zu wissen:
Die SSCT-Methodik findet in unterschiedlichem Ausmaß auf drei Plattformen Anwendung: neben Siegelklarheit auch
- auf dem an die öffentliche Beschaffung gerichteten Portal Kompass Nachhaltigkeit mit seinem Gütezeichenfinder und
- dem an kleine und mittelständische Unternehmen gerichteten KMU Kompass zur Einhaltung unternehmerischer Sorgfaltspflichten.

